DIN EN ISO 14405-1 – die neue Zeichnungsnorm für Längenmaße
09.03.2012 | Know-how | Bartelt, Rainer ( geändert am 14.05.2012 | Bartelt, Rainer )

Bei den grundlegenden Normen für technische Zeichnungen ist zurzeit vieles in Bewegung. Kurzfristig wurden u. a. folgende Normen geändert, zurückgezogen oder neu herausgegeben: 

·          Oktober 2010: Änderung DIN EN ISO 286 (IT-Passungstoleranzen H7…)

·          April 2011: DIN EN ISO 14405-1 – neue Zeichnungsnorm für Längenmaße

·          September 2011: DIN EN ISO 8015 – neue grundlegende GPS-Zeichnungs- und Prüfnorm

·          Januar 2012: DIN 7167 zurückgezogen (siehe www.Mahr.de/Know-how!)

Neu herausgegeben wurde die für technischen Zeichnungen grundlegende Norm DIN EN ISO 14405-1: Sie behandelt einen wesentlichen Teil des Themas Längenmaße in großer Ausführlichkeit und sorgt damit national wie international für mehr Klarheit – bezogen auf das Konstruieren, Fertigen und Prüfen technischer Bauteile. 

Zeichnungseintragung nach DIN EN ISO 14405-1 (Beispiel)

   

Dieses Tolerierungsbeispiel zeigt exemplarisch an, welche Möglichkeiten die neue Norm Konstrukteuren eröffnet, um in Fertigung und Messtechnik für mehr Klarheit zu sorgen: Die oben abgebildete Zeichnungseintragung enthält nicht nur – wie bisher – Informationen über die zulässigen Grenzmaße des tolerierten Durchmessers (hier: 29,95 und 30 [mm]), sondern außerdem auch Angaben, die das anzuwendende Messverfahren und die statistische Auswertung der erfassten Messwerte in eindeutiger Weise festlegen. 

So unterscheidet die Norm unter anderem folgende Durchmesser:

·          LP – Zweipunktmaß

·          GG – Gauß-Durchmesser

·          GN – Hülldurchmesser

·          GX – Pferchdurchmesser

und – neben anderen – folgende Möglichkeiten, sogenannte lokale Maße (Beispiel: LP) statistisch auszuwerten:

·          SD – Mittelwert der Spannweite

·          SA – arithmetischer Mittelwert

·          SM – Median

Auch eine einfache Möglichkeit, die relativen Messwertabweichungen direkt zu tolerieren, findet man im ersten Teil der neuen DIN EN ISO 14405.

Im Normalfall gilt das Zweipunktmaß

Die Norm legt fest: Stehen hinter der Maßtoleranz keine weiteren Angaben, so gilt das Zweipunktmaß (LP) und jeder einzelne Messwert muss innerhalb der Toleranz liegen (SX, SN).

Mit der Festlegung auf das Zweipunktmaß folgt die Norm der heute üblichen Messpraxis. Denn an Bearbeitungsmaschinen werden in vielen, wenn nicht sogar in den meisten Fällen Messgeräte eingesetzt, die Längenmaße als Zweipunktmaße bestimmen (siehe Abbildung):

 

Im Prinzip bleibt mit der neuen Norm also alles beim Alten.

Aber:

Wo Antworten sind, da sind auch Fragen

Der erste Teil der Norm DIN EN ISO 14405 über die wesentlichsten Längenmaße (die weiteren Teile der Norm behandeln die sogenannten nichtlinearen Maße) sorgt für Klarheit insofern, als dass:

·          dem Konstrukteur die Vielfalt der Prüfmöglichkeiten und der (nur mit Statistik aufzulösende) Unterschied zwischen lokalen und globalen Maßen aufgezeigt wird

·          der Messtechniker eindeutige Vorgaben für die Art und Weise der Maßprüfung erhält

·          dem Fertigungsplaner durch die Zeichnungseintragung angezeigt wird, welche Maße bereits an der Bearbeitungsmaschine geprüft werden können (Stichwort: „Werker-Selbstkontrolle“) und welche Maße zeichnungskonform nur im Prüfraum gemessen werden können

Doch jedes neue Hilfsmittel zur Verbesserung technischer Zeichnungen – und als solches sollte diese neue Norm verstanden werden – wirft auch Fragen auf:

·          Bei den vielen neuen Tolerierungsmöglichkeiten, die die Norm unter anderem für Durchmesser eröffnet: Welche Durchmesserart sollte man wählen, um zum Beispiel das Paarungsspiel möglichst exakt bestimmen und gleichzeitig den messtechnischen Realitäten Genüge tun zu können: Zweipunkt, Hüll und Pferch oder Gauß?

·          Zylindrische Innenflächen werden nicht selten mit Drei-Punkt-Messdornen geprüft. Welches Symbol ist für dieses Messprinzip anzuwenden?

·          Teil 1 der DIN EN ISO 14405 wurde erst vor kurzer Zeit veröffentlicht. Werden die neuen Symbole von den Mitarbeitern in Fertigung und QS heute schon verstanden und beachtet?

Allein das zuletzt genannte Argument wird manchen Konstrukteur zögern lassen, die neue Normsymbolik in seinen Zeichnungen proaktiv anzuwenden. Tatsächlich hilft aber eine genaue Bestimmung von Messverfahren und statistischer Auswertung sowohl der Messtechnik als auch der Fertigung. Denn beide Parteien brauchen sich bei konsequenter Anwendung der DIN EN ISO 14405 nicht mehr über die Deutungshoheit ihrer Messwerte zu streiten. 

Auch im Bezug auf Produktsicherheit und Produkthaftung ist die neue Norm für Längenmaße ein großer Fortschritt, weil mit ihr mögliche Unklarheiten bei der Interpretation von Maßtoleranzen in technischen Zeichnungen beseitigt werden können.

Drei-Punkt-Messpistole von Mahr für schnelle und genaue Durchmesser-Messungen

Die Frage zur Drei-Punkt-Messung verweist jedoch noch auf ein weiteres Problem: Tatsache ist, dass dieses für viele Anwendungen überaus praktische Durchmesser-Messprinzip in der neuen Norm keine Erwähnung findet.

Daran schließt sich die Frage an: Dürfen Durchmesser ab sofort nicht mehr nach dem Drei-Punkt-Verfahren bestimmt werden? Und falls doch: In welcher Beziehung stehen die mit diesem scheinbar nicht genormten Verfahren erzielten Messwerte mit den von der Zeichnung vorgegebenen Maßtoleranzen?

Die neue Norm für Längenmaße geht alle an

Die Fragen zur DIN EN ISO 14405-1 betreffen also sowohl Konstruktion, AV als auch die Messtechnik. Die Mahr Akademie behandelt dieses Thema daher ebenso in dem grundlegenden Seminar „Einführung in die Längenprüftechnik“ für QS-Mitarbeiter, wie auch in dem als Weiterbildungsmöglichkeit für Konstrukteure gedachten Seminar „Gestalttoleranzen I“ (mit dem Schwerpunkt Form- und Lagetoleranzen).

Selbstverständlich steht es jedem an Längenmaßen und technischen Zeichnungen Interessierten frei, sich die hier besprochene Norm im Original zu beschaffen und selbst zu studieren. Aber nicht nur der absolute Umfang schon des ersten, hier besprochenen Normteils (brutto 46 Seiten) schränkt den Lesespaß etwas ein. Bedauerlich ist vor allen anderen Dingen die Tatsache, dass sich eine internationale Norm wie diese heute grundsätzlich nur noch als „Händler der Möglichkeiten“ des technischen Zeichnens, aber nicht mehr als praktische Anleitung für ein nützliches und einheitliches Vorgehen – zum Beispiel bei der konkreten Auslegung von Maßtoleranzen im individuellen Anwendungsfall – versteht. Selbst die in der Norm enthalten Beispiele erheben vom Grundsatz her nicht mehr in jedem Fall den Anspruch, nützlich und auf ein Ziel gerichtet zu sein.

Was nützlich und sinnvoll ist, erfahren Sie also weniger aus der Norm, sondern vielmehr auf einem Seminar der Mahr Akademie:

Das aktuelle Seminarprogramm der Mahr Akademie siehe:           www.Mahr.de/MarExpert

Für Kommentare und Anregungen zu diesem Tipp nutzen Sie bitte den folgenden Link zum Messmittelpunkt...

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